Kulturschatz harrt der Entdeckung

 

Schwabsoien / Altenstadt: Kunst lockt

 

Von Nicola Förg

 

Es gibt Männer, die sammeln Modellautos oder vielleicht Bierkrüge ... Gegeüber Johann Hartmann hat solche Sammelleidenschaft einen Vorteil: Eine Vitrine, allenfalls ein Zimmerchen reicht zur Aufbewahrung. Hartmann hingegen braucht Platz - sammelt er doch seit über 20 Jahren Kutschen. Und was für welche! Eine Phaeton, mehrere Chaisen, edle Muschelschlitten, den Gig reicher niederbayerischer Bauern, ein Gäuwagerl jüdischer Erstbesitzer, die als Pferdehändler über Land gezogen waren. Eine Wiener Praterkutsche und der Münsterländer Pirschwagen ohne Bremse. "Weil es da so flach ist, braucht's das nicht".

 

Johann Hartmann weiß über jedes Stück wunderbare Gschichterl zu erzählen und er kennt wirklich jeden Beschlag, jede Naht, jeden Pinselstrich persönlich - er hat sie nämlich alle selbst restauriert. Manche der heutigen Prachtstücke waren in so desolatem Zustand, dass man es kaum glauben mag, dass so was noch zu retten ist. Und weil der Mann ein Perfektionist ist, hat er seinen Kutschen eine dreistöckigen Bau errichtet, wo sie nun den rechten Rahmen haben - alles privat finanziert!

 

Seine Schmuckstücke stammen aus der Zeit um 1900, dazu dokumentieren jede Menge alter Gerätschaften das Leben jener Zeit. Von der letzten Postfahrt 1928 ist die Rede und es gibt einen wie gestochen geschriebenen Unfallbericht von 1905, als zwei Damen so rasant mit ihrer Chaise in eine Kurve in Schwabsoien rauschten, dass sie umkippten und schwer verletzt wurden. "Frau am Steuer!", lacht ein Besucher.

 

                Abseits der Besucherströme

 

Dieses Museum ist eine echte Entdeckung, so wie das ganze Schwabsoien eine solche ist. Denn Hand aufs Herz: Wer kennt schon diese charmante Gegend westlich von Schongau? Wiewohl zum Landkreis Weilheim-Schongau gehörig, werden wohl die wenigsten Weilheimer sich je hierher verirrt haben. Dabei ist der bäuerliche Ort mit den schönen behäbigen Anwesen in mehrerlei Hinsicht ein Schatzkästchen. Wegen des Museums, aber auch wegen des Mühlenweges.

 

Am Gasthof Post geht es los und führt vorbei an acht markanten Stationen. Die Schönach rauscht und plätschert nämlich durch Schwabsoien, war die natürliche Resource, um Wasserrräder für Sägemühlen, Hammer- und Waffenschmieden anzutreiben. Unter den Hausnamen "beim Lazar" war eine Hammerschmiede bis 1982 in Betrieb und ist heute ein kleines Museum. Unweit davon dreht sich noch ein altes Wasserrad und erzeugt brav und verlässlich Strom für neuzeitliche Bedürfnisse.

 

             Herrliche Wanderwege

 

Gerade mit Kindern ist Schwabsoien ein perfekter Ausflug, weil's viel von einst zu sehen gibt - und dazwischen Hühner, Bauerngärten. Und wen es  in der Schuhspitze juckt: Rund um den Ort kann man herrlich wandern, die kleine Runde mit gigantischer Sicht auf die Berge. Eine größere Runde führt zum Dienhauser Weiher. Die Laubbäume, die sich ihres Herbstkleides entledigt haben, spiegeln sich im Wasser, ein gewaltiger Nadelbaum hält seine Äste schützend über ein Bankerl - die Gegend ist Balsam für die Seele.

 

Und wer dann wieder ins Auto steigt und sich auf den Heimweg macht, hat noch ein Highlight am Wegesrand: Die Basilika von Altenstadt. St. Michael ist die einzige durchgewölbte Kirche der Spätromantik in Bayern, wohl zwischen den Jahren 1180 und 1220 errichtet. Der Raumeindruck ist überwältigend! Die klare Schlichtheit, die Schmucklosigkeit, außer weniger gotischer Fresken! Die Proportionen sind nicht zufällig: Die Länge des Schiffes entspricht der Höhe der Türme, das Mittelschiff ist doppelt so hoch und breit wie das Seitenschiff.

Und wer am Hauptportal steht und an regelmäßigen Arkaden und Gurtbögen entlang blickt, dessen Auge wird unwilkürlich vom "Großen Gott von Altenstadt" gefangen. Der romanische Kruzifixus von 1200 thront auf dem Lettnerbalken und wirkt in seiner Farbigkeit und Ausdruck eigentlich richtig "modern". Das ist Kunst in einer seltenen Zeitlosigkeit in einem Ort zeitloser Kraft und Präsenz.

Hier, wo früher das erste alte Schongau lag, hier wo die Via Claudia Augusta verlief, liegt heute noch ein besonderer Ort - und das dritte Jahrtausend hat St. Michael nun mit der Aufnahme in die UNESCO-Liste für Baudenkmäler mit nationaler kultureller Bedeutung belohnt.

 

Herbsttour Schwabsoien / Altenstadt

 

Anfahrt: Über Starnberg, Weilheim, Peißenberg bis Schongau ( B 2, B 472, B 17), Ausfahrt Altenstadt.

 

Kutschenmuseum

Johann Hartmann, Am Elder, 86987 Schwabsoien

Tel. 08868/813 oder 0179/84 89 819

Herr Hartmann öffnet sein Museum auf Anfrage, er hat auch Zugang zum Hammerschmiedemuseum, einfach anrufen!

 

Wanderrouten

1. Mühlenweg: Im Ort beschildert, dazu Faltblatt erhältlich über das Auerbergland, Tel. 08860/8121

 

2. Kleine Panoramarunde: Beim Fußballplatz parken; am Ortseingang erstes Teersträßchen rechts hoch bis zum markanten Solitärbaum, dort links, dem Sträßchen folgen, an der kleinen T-Kreuzung wieder links.

 

3. Dienhauser Weiher: Wie Panoramarunde, an T-Kreuzung rechts weg, immer auf dem Teersträßchen durchs breite Tal. Der Weg trifft den Wald und wird zum Feldweg. Am kleinen Steinbruch links weg (der Wanderweg ist beschildert) bis zum Dienhauser Weiher und am Westufer des Sees entlang immer Richtung Schwabsoien dem beschilderten Weg nach.

 

Karte

Kompasskarte 179, Pfaffenwinkel, Schongauer Land

 

 

Münchner Merkur - Merkur Journal / Spritztouren

vom 20. November 2004

 


Johann Hartmann